«Das darf doch nicht wahr sein!»

Die Sonne scheint für den Bundespräsidenten. Johann Schneider-Ammann (64, FDP) ist auf den Campus der ETH Lausanne gekommen an diesem Julitag, um die Fernsehaufnahmen für den 1. August zu machen. Sie waren verschoben worden wie auch dieses Gespräch , weil sich der Bundespräsident bei einer Reise in die Mongolei und in dauernder Umgebung "asiatischer Klimaanlagen" erkältet hatte, wie sein Sprecher schrieb. Jetzt blenden ihn Sonne und Scheinwerfer, das sind gute Symbole für einen Politiker. Zeichen der Zuversicht. Wir wollen mit ihm über ihn reden und nicht primär über Politik. Schneider-Ammann ist verspätet, es bleiben dreissig Minuten.

 

Basler Zeitung | 30.07.2016
Erik Ebneter und Samuel Tanner


Herr Schneider-Ammann, sind Sie wieder gesund?

Ja, nur der Husten plagt mich.

Gehören asiatische Klimaanlagen zu den hartnäckigsten Gegnern eines Bundespräsidenten?

Ich möchte jetzt nicht den asiatischen Klimaanlagen die Schuld dafür geben (schmunzelt).  

Es muss ein bewegter Gipfel gewesen sein. Als Sie in der Mongolei mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprachen, putschte in der Türkei das Militär. Wie wurden Sie darüber informiert?

Man wird vom eigenen Stab informiert, vom Nachrichtendienst. Und in dem speziellen Fall hatte ich auch die Chance zu hören, was die deutsche Kanzlerin zum Thema vernahm. Auch die Reaktion war interessant. Wir sagten beide: Das darf doch nicht wahr sein! Weil man ja weiss, dass die Türkei Ambitionen hat, EU-Mitgliedsland zu werden. Aber es ist so!

Sie hätten in jenen Stunden über Istanbul zurück in die Schweiz fliegen sollen. Dieser Flug wurde gecancelt.

Ja, ich liess dann Frau Merkel anfragen, ob sie nicht einen Platz frei hätte.

Der Flug dauerte siebeneinhalb Stunden. Worüber sprachen Sie?

Natürlich über die Türkei. Über den Terrorismus – all die Ereignisse der letzten Monate liessen wir Revue passieren. Das war ein Schwerpunktthema. Das andere war die Beziehung der Schweiz zur EU. Es ist sicher so, dass ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn für eine Lösung von Vorteil ist.  . Für mich war das eine gute Gelegenheit, mich mit Frau Merkel darüber zu unterhalten.

Ist sie gut informiert über den Stand der Diskussion in der Schweiz?

Frau Merkel war bei uns zu Besuch, letztes Jahr. Und ich traf sie im Frühling in Hannover. Sie ist gut informiert, sehr interessiert – auch daran, dass die Schweiz eine Lösung mit der Europäischen Union findet.

Länger war noch kein anderer Bundesrat mit ihr zusammen.

Ja, da wird es – ohne aus der Schule zu plaudern – sicher persönlicher. Und man kann das eine oder andere Private austauschen. Sie hat ein Faible für das Bündnerland und damit auch für den Skilanglauf. Das bestätigte sie einmal mehr. Das Unfallproblem, das sie hatte, das kann halt auch einem Regierungschef passieren.. (lacht)

Sie waren auch lange Langläufer.

Ich hörte 1999 mit dem täglichen Sport auf, als mein Mandat im Nationalrat begann. Leider. Es war eine reine Zeitfrage. Noch heute bedaure ich, dass ich die sportliche Aktivität ad acta gelegt habe und nur noch lange Spaziergänge oder kurze Bergtouren machen kann.

Mit Ihren Hunden: Bajo, Dino, Durga. Sind Sie immer noch dasselbe Team?

Es sind jetzt nur noch zwei Hunde. Der Bajo und der Dino. Durga mussten wir einschläfern lassenvor einigen Wochen. Es sind alte Hunde geworden.

Wenn Sie unterwegs sind, sagen wir mit Frau Merkel, was erzählen Sie davon zu Hause am Küchentisch?

Meine Frau und ich haben eine Abmachung, sie lautet: Klare Trennung zwischen Privatem und Arbeit. Selbstverständlich informierte ich meine Frau bereits per SMS aus dem Flugzeug, dass ich via  Berlin nach Hause fliege und nicht über Istanbul. Meiner Frau war es klar, dass Frau Merkel und ich Zeit  zum vertieften Gespräch hatten – worüber genau, weiss sie jeweils nicht. Aber sie beurteilt nachher natürlich meinen Gemütszustand, und sagt: Das muss eine gute, aufbauende Diskussion gewesen sein. Deshalb sitzt er jetzt so da, wie er da sitzt, nach dieser langen Reise.

Das war in dem Fall so?

In dem konkreten Fall war es so, ja.

Um das Küchentisch-Bild noch einmal zu bemühen: Essen Sie überhaupt noch regelmässig zu Hause in Langenthal?

Nein, nein. Meine Frau steht am Morgen mit mir auf, wenn ich einen Kaffee trinke. Am Mittag bin ich nie daheim, am Abend selten. Unsere gemeinsame Zeit konzentriert sich auf den Frühstückskaffee und aufs Wochenende. Das war früher nicht anders. Als Unternehmer war ich genauso oft unterwegs. Meine Frau ist sich das gewohnt.

Die Langenthaler sagen über Ihre Frau: „Käthi fährt in Jeans mit dem Velo durchs Dorf, total sympathisch.“ Sieht man Sie auch hin und wieder im Dorf?

Ich gehe selten ins Städtli, es ist ein Städtli…

…Entschuldigung!

Es ist eine Stadt! Ich lege Wert darauf. Es ist eine Stadt mit einem Stadtpräsidenten.

Sie fahren aber nicht in Jeans mit dem Velo durchs Dorf.

Selten. Aber meine Frau geht einkaufen, sie geht mit dem Velo einkaufen, und sie trägt auch  Jeans. Ich habe ausdrücklich mit meiner Frau die Abmachung getroffen damals: Wir bleiben uns treu und bleiben so, wie wir sind. .

Langenthal war lange der Testmarkt der Schweiz, weil das Dorf, das Stedtli, die Stadt – oder wie auch immer – so durchschnittlich ist. Hat Langenthal Sie zu einem Durchschnittsschweizer gemacht?

Ich beurteile mich nicht selber, das machen andere. . Langenthal ist auch seit etwa dreissig Jahren nicht mehr Testmarkt – das ist eine alte Geschichte, die ich aber noch erlebte. Tatsächlich versuchte Maggi damals zuerst, seine Würfel über die Langenthaler Theke zu verkaufen, und schaute, ob die Langenthaler wirklich auch kaufen.

Sie hatten immer Produkte, die der Rest der Schweiz noch nicht hatte.

Ja, es waren die neuen Produkte aus der Ecke von Knorr, Maggi, aber auch Pampers…

...die hatten Sie als erstes?

Irrtum vorbehalten ja... Das waren Produkte, die bei uns zuerst kamen. Das war interessant.  Hier unsere  Durchschnittsgesellschaft und da der Versuch, zu verstehen, wie sich etwas verkauft. Wie viel zählt der Inhalt, wie viel die Verpackung. Kaufen die Menschen mit den Augen oder mit dem Verstand?

Ist Langenthal Heimat für Sie?

Ich wohne mit ein paar Jahren Unterbruch seit 1968in Langenthal. Das ist für mich Wohnort, Arbeitsort. In Langenthal bin ich kein Fremder, sicher nicht. Ich bin aber auch nie ein ganzer Langenthaler geworden.

Wieso nicht?

Weil ich zum Beispiel nie in der Schulkommission sass  oder jeden Tag mit den Leuten zu tun habe. Ich hörte lange Jahre: Du kennst die Flugplätze in Shanghai und in New York oder weiss der Kuckuck wo. Aber du könntest wahrscheinlich keine Hosen auf dem direkten Weg im richtigen Laden im Dorf go reiche. Das war zugespitzt, aber ich war tatsächlich viel weg.Wenn ich wie an diesem ersten 1. August die Gelegenheit habe, nach Affoltern im Emmental zu gehen, wo ich aufgewachsen bin, dann bedeutet mir Affoltern Heimat.

Kann man es so zusammenfassen: Sie sind ein Emmentaler, kein Oberaargauer?

Grundsätzlich ist das richtig. Gleichzeitig aber ein ganz heikles Thema! Die Emmentaler Metropole ist Burgdorf, die Oberaargauer ist Langenthal. Wenn man die beiden gegeneinander Hockey spielen sieht, weiss man, was es geschlagen hat.

Wen unterstützen Sie?

Hm.

Es kommt ja nur in der Basler Zeitung, nicht im Langenthaler Tagblatt.

Ich bin für den SCL.

Langnau? Langenthal?

Ich bin in Affoltern im Emmental aufgewachsen, da steht SCL für Schlittschuhclub Langnau. Später, als Firmenchef, sponserte ich den anderen SCL, den Schlittschuhclub Langenthal. Ich sagte immer, der SCL sei mein favourite… Und wenn es jemand genauer wissen wollte, sagte ich, Langenthal sei schon toll. Aber mein Herz sei dort, wo es in der Jugend war, also im Emmental und beim SC Langnau. Das ist heute noch so.

Kleines Intermezzo – für wie schweizerisch halten Sie folgende Stichworte? 10 für sehr schweizerisch, 1 für unschweizerisch. Also: Ordnung im Stall.

Neun.

Minarette – das ist ja sozusagen eine Langenthaler Spezialität.

Das würde ich infrage stellen. Aber gut, zwei.

Turnverein.

Eine ganz wichtige Institution. Acht.

Was vermissen Sie aus der Schweiz Ihrer Kindheit und Jugend? Was nicht?

Echt vermissen tue ich nichts.

Wie haben Sie sie erlebt?

Mein Vater war Tierarzt, dadurch waren wir Gofen ganz intensiv mit der Landwirtschaft in Berührung. Auf dem Berg oben, in Affoltern, konnte man nur die Primarschule besuchen. Deshalb musste ich für die Sekundarschule nach Sumiswald, wo es keinen Lateinunterricht gab. Mein Vater wollte aber, dass ich Latein lerne, weil man nur mit Latinum Tierarzt werden konnte. Ich musste also mühselig Latein lernen und durfte nicht Fussball spielen wie die anderen. Doch dann wurde das Latein-Obligatorium für Mediziner abgeschafft, und ich wechselte umgehend  ins Realgymnasium.

Zusammengefasst: Das Latein-Obligatorium vermissen Sie nicht.

Das ist einrichtiger Schluss, ja.

Können Sie heute noch Ovid übersetzen?

Das konnte ich schon damals nicht.

Wie wichtig ist der 1. August?

Der ist wichtig.

Wirklich?

Ja, der 1. August ist wichtig. Ich bin ein Patriot, ich bin liberal-konservativ. Wenn der Geburtstag des Landes überall gefeiert wird, hilft das, ein Gemeinschaftsgefühl zu kreieren und den Zusammenhalt zu stärken. Wir wollen und sollen diesen Tag feiern, es gehört das Feuer dazu, und wenn Sie mich vorhin gefragt haben, was ich vermisse: dass am 1. August kaum mehr gesungen wird.

Sie singen?

Als ich jung war, konnten wir nicht nur die Schweizer Hymne auswendig singen, wir haben sie auch bei jeder Gelegenheit gesungen, wie zum Beispiel am Lagerfeuer. Das war ein wichtiger Wert, um sich als Bürger zu fühlen. Solche Werte strahlen eine Wärme aus in modernen, elektronischen Zeiten, wo alles durchlässig ist und infrage gestellt wird. Es gibt ein paar über Generationen gewachsene Werte, die erhalten bleiben müssen, wenn man unser Land zusammenhalten will. Darum ist der 1. August für mich ein wichtiger Anlass.

Schreiben Sie Ihre Rede selbst?

Ich halte dieses Jahr vier 1.-August-Reden, wobei ich für eine Rede den Einstieg selber geschrieben habe. In aller Regel lege ich fest, worüber ich sprechen will. Die Botschaften. Dann schreiben der Kommunikationschef und sein Team die Reden.

Verändert das politische Reden das private? Anders gefragt: Sagt Ihnen Ihre Frau manchmal, Sie sollen zu Hause nicht wie ein Politiker reden?

Das hat sie mir kaum je gesagt. Ich habe keine Mühe, vom politischen Bern ins private Langenthal umzusteigen.

Sie reden zu Hause also nie von Rahmenbedingungen?

Doch, doch, das schon! Ich gehöre zu denen, die eine Firma abgegeben haben, als sie Bundesrat wurden. Mein Sohn übernahm die Firma. Das ist ein ziemlicher Challenge, in Langenthal so viele Leute zu beschäftigen und 85 Prozent in den Euro-Raum zu exportieren. Als im Januar 2015 der Euro-Mindestkurs aufgehoben wurde, habe ich mit meinem Sohn darüber gesprochen, wie die Firma unter diesen Bedingungen bestehen soll. Er hat sich dasselbe gefragt wie alle Exportunternehmer. Da fallen schon auch Worte wie Rahmenbedingungen.

Was sagt Ihr Sohn heute, eineinhalb Jahre später?

Die Maschinenindustrie hat einen Wechsel vollzogen: Man redet nicht mehr von Deindustrialisierung und Margenverlust, sondern von der vierten industriellen Revolution, von der Industrie 4.0, Digitalisierung. Dem stellen wir uns, und ich lade jedermann ein, auch Euch Vertreter von der Basler Zeitung: Helft mit, dass wir in diesem Land industrialisiert bleiben!

Wir geben unser Bestes.

Ich meine es ernst. Das hat mit der Beschäftigung zu tun. Meine politische Zielsetzung ist die Vollbeschäftigung. Wenn uns das gelingt, haben wir unseren Job gemacht.

Worauf sind Sie stolzer: auf den eigenen Erfolg oder den Erfolg Ihrer Kinder?

Das ist ganz eindeutig: Ich freue mich als Vater wirklich sehr, dass die Jungen den Mut hatten, in die Firma einzusteigen, die ich 25 Jahre lang geführt habe. Ich bin stolz, dass uns der Generationenwechsel gelungen ist.

Sie sind Vater erfolgreicher Kinder, Bundespräsident, Multimillionär…

Das wissen Sie doch gar nicht!

Wie auch immer: Werden die Probleme grösser oder kleiner, wenn man erfolgreich ist?

Die Herausforderungen werden anspruchsvoller, aber ich rede bewusst nicht noch von Problemen, sondern von Challenges. Man will ja einen nächsten Challenge und einen übernächsten und sich daran messen. Das hat man als Unternehmer im Blut.

Sie haben oft gesagt, Ihr Schwiegervater sei ein Vorbild für Sie gewesen. War er für Sie wichtiger als Ihr Vater?

Nein, das ist wie mit der Heimat. Die Wurzeln hat man nur an einem Ort, aufgewachsen ist man nur bei einem Elternpaar. So gesehen ist mein Vater für mich wichtiger gewesen. Aber ich habe meinen Schwiegervater bewundert.. Er hat vorgelebt, wie man eine Firma führt und Politik macht und sich für die Gesellschaft engagiert. Kurz vor seinem Tod , hat er mir gesagt: Versprich mir, dass du die Firma so weiter führst, wie du es bis jetzt getan hast, und dass die nächste Generation zum Zug kommen kann. Das war für mich ein Auftrag, und den erfüllte ich.

Herr Schneider-Ammann, wann sind Sie glücklich?

Fast immer.

Wann sind Sie unglücklich?

Es kommt darauf an, was Glücklichsein heisst. Ich habe eine intakte Familie, ich bin mit meiner Frau seit 1968 zusammen, wir haben Kinder, die nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ich schätze mich glücklich, nur schon weil ich weiss, in welch privilegierten Familienverhältnissen ich leben kann. Ich habe mich immer sehr glücklich gefühlt, wenn ich als Unternehmer ein Projekt anschieben und zum Erfolg führen konnte. Das war für mich ganz wichtig.

Wie ist es mit der Politik?

Ich bin auch in der Politik glücklich, auch wenn mir das eine oder andere Medium in der Vergangenheit etwas anderes andichten wollte. Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, den Bettel hinzuschmeissen.

 

 

Letzte Änderung 22.02.2017

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