«Nicht zur Schlafstadt werden»

Langenthal Jetzt, da er Bundespräsident ist, wird Johann Schneider-Ammann noch mehr unterwegs sein als bisher. Seiner Heimatstadt Langenthal will der 63-Jährige trotzdem die Treue halten. Hier könne er auftanken, sagt er. Über lokale Themen ist er kaum mehr informiert - mit Ausnahme des Bahnhofprojekts.

BZ Langenthaler Tagblatt | 24.12.2016
Patrick Jordi

Heute vor einer Woche haben Ihnen die Langenthalerinnen und Langenthaler mit der Bundespräsidentenfeier einen warmen Empfang bereitet. Legen Sie viel Wert auf solche Ehrerbietungen?

Johann Schneider-Ammann: Für mich selbst würde ich selbstverständlich kein derartiges Fest organisieren. Es ist aber sehr schön und etwas Besonderes, eine solche Feier zu erleben und in der Heimat mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Schliesslich gibt es als Politiker nicht jeden Tag Streicheleinheiten. Ein solcher Empfang ist gewissermassen ein schöner Lohn für das tägliche Engagement.

Darüber hinaus heisst der Strassenbereich vor dem Choufhüsi neuerdings Bundesrat-Johann-N.-Schneider-Ammann-Platz. Eine grosse Ehre. Paradoxer­weise sind Sie als Langenthaler aber selten bis nie im Zentrum anzutreffen.

Tatsächlich musste ich mir schon hie und da den Vorwurf gefallen lassen, ich würde die Flughäfen von Shanghai oder Chicago besser kennen als den Platz vor dem Choufhüsi. Meine Arbeit bestimmt den Alltag. Schon früher war ich kaum im Stadtzentrum unterwegs - ging nie zum Einkaufen beispielsweise. Aber ich habe Langenthal an der Peripherie intensiv erlebt und mitgeprägt.

Sie meinen damit die Zeit bei der Ammann-Gruppe?

Richtig. Die Umgebung rund um den Bahnhof ist mir wegen des Firmensitzes sicher am besten bekannt. (lacht)

Ausserdem wohnen Sie gleich in der Nähe des Bahnhofs. Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, woanders hinzuziehen?

Nein, das war nie ein Thema. Dafür haben ich und meine Frau zu viele Verbindungspunkte mit der Stadt. Langenthal ist das Zen­trum meiner Familie. Hier kann ich durchschnaufen und auf­tanken.

Das häufige Pendeln zwischen Langenthal und Bern stört Sie also nicht?

Die Zeit im Auto kann ich sehr gut nutzen, um Akten zu studieren oder zu telefonieren. Sobald ich in Bern bin, beginnen die Sitzungen.

Einmal zu Hause angekommen, wird aber nicht mehr gearbeitet, oder?

(Schmunzelt) Meine Frau würde jetzt sagen: Er kommt nach Hause, isst und sitzt gleich wieder am Schreibtisch. Viel Freizeit bleibt in diesem Amt nicht übrig.

Ausser am Wochenende vielleicht. Da sind Sie sogar in der Natur anzutreffen.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, gehe ich mit unseren Hunden spazieren - im Wald oder in den Wässermatten.

Sind Sie noch informiert über Themen, die auf lokaler Ebene beschäftigen?

Als Unternehmer war ich früher automatisch im Bild über die Sorgen und Freuden der Stadt. Dafür fehlt mir heute einerseits die Zeit, andererseits sind die Kontakte nicht mehr dieselben.

Dafür behalten Sie aber die lokale Wirtschaft im Auge.

Ich halte laufend Kontakt zu regionalen Unternehmen.

Die aktuelle Wirtschaftslage fordert auch regionale Unternehmungen zusätzlich heraus. Welches sind Ihre Beobachtungen?

Die Firmen opfern ihre Margen, damit sie auf dem Markt bleiben und ihre Fachkräfte behalten können. Sie müssen aber weiterhin investieren können, um innovativ zu bleiben. Es ist wichtig, dass die Unternehmungen ihre Prozesse und Produkte optimieren können - damit sie wieder Geld verdienen können. Nur so bleiben sie langfristig im Markt und damit zuverlässige Arbeit­geber.

Welche Trümpfe haben wir noch?

Unsere Verlässlichkeit und die Qualität der Produkte überzeugen die internationalen Kunden nach wie vor. Wenn es um Indus­trieprodukte geht, ist auch der Service nach dem Verkauf entscheidend. Hier haben wir immer noch einen Vorteil, und die Dienstleistungen werden ab und zu auch mit einem Aufpreis bezahlt.

Als Wirtschaftsminister und ehemaliger Unternehmer setzen Sie sich für wettbewerbsfähige und liberale Bedingungen am Markt ein. Sollten es Ihnen regionale Wirtschaftsvertreter gleichtun und sich vermehrt politisch engagieren?

Ich bin jedem Unternehmer dankbar, der hilft, die Rahmenbedingungen zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu beeinflussen. In der Politik tätige Unternehmer finden insbesondere dann Gehör, wenn sie die Konsequenzen po­litischer Entscheidungen am Beispiel ihrer Firma aufzeigen können. Diese Erfahrung habe ich als Nationalrat in der Wirtschafts- und Abgabekommission gemacht. Wirtschaft und Politik gehören einfach zusammen.

Sie wollen Ihren unternehmerischen Werten also auch während der Zeit als Bundespräsident treu bleiben?

Ein Beweis dafür ist das Motto, unter welchem mein Präsidialjahr steht. Es heisst: Gemeinsam für Jobs und unser Land. Gemeinsam deshalb, weil wir ein kleines Land und eine mittelgrosse Volkswirtschaft sind. Wir müssen uns besonders anstrengen, damit wir gegen die Grossen bestehen können. Und bestehen können wir dann, wenn das Land wettbewerbsfähig ist und die Beschäftigung sichergestellt werden kann. Ich engagiere mich mit voller Kraft dafür, dass die Menschen in diesem Land einen Job haben und damit Perspektiven und Sicherheit.

Herkunft prägt. An welchen Werten halten Sie denn konkret fest?

Wichtig sind mir Verlässlichkeit, Bescheidenheit, Transparenz und Glaubwürdigkeit. Walk the talk: Nicht nur reden, sondern auch danach handeln - das habe ich mir immer zum Rezept gemacht. Ich habe nicht im Sinn, daran etwas zu ändern. Die verlogenen Schlenker und verschlungenen Wege, die geht Johann Schneider-Ammann aus Langenthal nicht. Er will sie nicht gehen können!

Als Bundespräsident werden Sie die Schweiz im Ausland repräsentieren und ranghohe Politiker und Würdenträger treffen. Wie erklären Sie diesen Leuten, wo Ihre Wurzeln liegen?

Meine ursprünglichen Wurzeln liegen bekanntlich in Affoltern im Emmental. Die Ausbildung führte mich schliesslich nach Langenthal. Wenn ich nun im Ausland gefragt werde, wo meine Heimat liegt, antworte ich: ­Bernese Midlands, inbetween Zurich and Berne. Die meisten Leute entgegnen darauf, sie wüssten gerade mal, wo Genf liegt. (lacht)

Einigen haben Sie aber gezeigt, wovon Sie eigentlich reden.

Ich habe schon hohe chinesische Offizielle in den Oberaargau geführt. Für diese Leute ist unsere Region typischste Provinz. Und für chinesische Grössenverhältnisse haben wir lächerlich kleine Dörfer und Städte. Was aber jeder, der einmal durch die Region geführt wurde, begriffen hat: Man kann hier wohnen, arbeiten, ist in wenigen Augenblicken auf der Bahn und erreicht in wenigen Minuten die Natur. Das alles auf einmal zu haben, ist ein grosses Privileg.

Verfolgen Sie die Entwicklungen rund um den Langenthaler Bahnhof? Das Areal wird hinsichtlich der Planung prioritär behandelt.

Da ich nicht persönlich in die Planung involviert bin, mische ich mich nicht ein. Mir ist aber sehr wohl bekannt, dass Gespräche laufen. Schliesslich nehmen die Firmengebäude ein grosses Gebiet des Bahnhofareals ein. Gut finde ich, dass in dem Projekt ganzheitlich gedacht wird.

Sie haben vorhin die gute Bahnanbindung erwähnt. Das bedingt, dass viele Langenthalerinnen und Langenthaler auswärts arbeiten.

Langenthal darf deshalb nicht zur Schlafstadt werden. Die Region muss unbedingt auch eine eigene Wertschöpfung haben. Wenn die Stadt nebst dem Wohnen auch Arbeitsplätze bietet, zieht das junge Menschen und Familien an. Die Wertschöpfung muss in einem guten Verhältnis zum Wohnen liegen, dann bleiben das Städtchen und die Region am Puls.

Und wann werden Sie wieder mehr Zeit im Städtchen verbringen?

Das kann ich den Langenthalern nicht sagen. Klar ist, dass es eine Nachbundesratszeit geben wird. Wann und wie: Das steht momentan nicht zur Diskussion, schliesslich bin ich erst kürzlich für weitere vier Jahre als Bundesrat gewählt worden. In meiner Funktion bin ich unter anderem zuständig für die Fachkräfteinitiative. Eine der vier Hauptstossrichtungen heisst: Arbeiten bis zum Pensionierungsalter und darüber hinaus. Was ich damit sagen will: Ich kann nicht andere in meinem Alter einladen, länger zu arbeiten - und dann selber als Erster den Hut nehmen. (schmunzelt)

Last modification 24.12.2015

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