«Ich bleibe noch 20 Jahre im Amt»

Trotz Kritik von allen Seiten: Bundesrat JOHANN SCHNEIDER-AMMANN denkt nicht an Rücktritt. Er verrät, wo er Kraft tankt und welches Ziel er sich als Jugendlicher gesetzt hat.

Schweizer Illustrierte | 02.03.2015
Jessica Pfister | Philipp Mäder 

Medien und Politiker kritisieren Sie: Die einen finden, Sie machen zu wenig gegen die drohende Wirtschaftskrise. Die anderen finden, Sie machen zu viel. Trifft Sie das?

Sie sagen es ja selber: Wenn man will, findet man immer einen Grund zur Kritik. Es wäre nicht ehrlich zu sagen, dass mich das völlig kalt lässt. Aber ich mache mir nicht von morgens bis abends darüber Gedanken.

Lesen Sie alles, was die Medien über Sie schreiben?

Ich überfliege einzelne Beiträge und arbeite dann weiter.

Was treibt Sie an?

Ich will, dass es unserem Land weiterhin so gut geht. Dazu müssen wir Wirtschaft und Politik wieder näher zusammenbringen. Das tue ich als Bundesrat. Wie mit den runden Tischen zur Frankenstärke. In der Schweiz gibt es praktisch keine Arbeitslosigkeit. Vor allem haben fast alle Jugendlichen einen Job, das ist mir ganz wichtig. So schlecht machen wir es also nicht. Ich trage als Wirtschaftsminister zu diesem Erfolg bei. Davon nimmt die Öffentlichkeit vielleicht zu wenig Kenntnis.

Weshalb?

Was gut läuft, bringt keine Schlagzeilen. Und sicher spielt eine Rolle, dass wir in einem Wahljahr sind. Da wird von allen Seiten ausgeteilt und jede Mücke zum Elefanten gemacht. Und natürlich passiert auch mir der eine oder andere Fehler.

Zum Beispiel?

Scheinbar in der Kommunikation. Doch ich lasse mich nicht irritieren. Ich stehe am Abend vor dem Spiegel und kann mir in die Augen schauen. Denn ich weiss: Heute habe ich mitgeholfen, dass weiterhin möglichst Jeder einen Job und eine Perspektive hat. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Da ist es egal, was irgendwelche selbstberufene Experten von sich geben.

Was ist Ihre persönliche Bilanz als Wirtschaftsminister?

Die Bilanz müssen andere vornehmen. Aber ich habe einiges erreicht. Zum Beispiel das Freihandelsabkommen mit China, das der Schweizer Wirtschaft neue Chancen eröffnet. Ich habe sehr engagiert unseren liberalen Arbeitsmarkt verteidigt, damit die Initiativen zu Mindestlohn und 1:12 zurückgewiesen wurden. Ein weiteres Beispiel ist die Reform der Landwirtschaft. Oder die Stärkung der höheren Berufsbildung – unser Bildungssystem ist ein Trumpf der Schweiz. Das sind Erfolge, die mir wichtig sind.

Trotzdem: In einer Umfrage zur Popularität der Bundesräte lagen Sie kürzlich weit hinten.

Repräsentative Umfragen kamen zu einem anderen Ergebnis. Ich nehme aber auch diese neuste Einschätzung zur Kenntnis – und setze mich weiterhin mit vollem Engagement für die Chancen der Menschen in unserem Land ein. Dafür danken mir viele Bürger in Zuschriften.

Wo tanken Sie in schwierigen Momenten Kraft?

Abschalten kann ich bei Spaziergängen mit meinen Hunden, auf dem Napf und anderswo. Die lieben Kerli hören mir zu und schweigen. Das ist fantastisch (lacht).

Besprechen Sie Ihre Sorgen mit der Familie?

Ja, bei meiner Frau und meinen Kindern kann ich Druck abladen. Meine Familie weiss, was es heisst, exponiert zu sein. Sowohl unternehmerisch als auch politisch. Mit meinen inzwischen erwachsenen Kindern habe ich sehr offenes und sehr gutes Verhältnis. Das schätze ich sehr.

Ihre Kinder haben Ihre Firma, die Ammann Group, übernommen. Wie ist die Stimmung dort?

Die ist gut, trotz der schwierigen Situation mit dem starken Franken. Und ich stehe täglich mit Vertretern aller Branchen im Kontakt. Der Franken-Schock vom 15. Januar ist noch längst nicht verdaut. Das wird im Moment stark unterschätzt. Ich habe Hochachtung vor jeder Unternehmerin und jedem Unternehmer, der die Herausforderungen annimmt, anstatt zu jammern und nach dem Staat zu rufen. Das gilt auch für mich als Politiker: Ich jammere nicht. Und ich lasse mich nicht in eine Ecke drängen.

Früher waren Sie ein gefeierter Patron. Jetzt müssen Sie Kritik einstecken. Bereuen Sie manchmal, dass Sie in den Bundesrat gegangen sind?

Nein. Ich wusste immer, dass dies kein Spaziergang wird. Doch ich habe unterschätzt, dass man von einem ehemaligen Unternehmer im Bundesrat mehr erwartet als von einem Politiker, der die Wirtschaft nur vom Hörensagen kennt.

Diese Erwartungen können Sie nicht erfüllen?

Es ist nicht immer einfach, mit der eigenen Erfahrung und Überzeugung durchzukommen. Das war in meinem früheren Leben als Unternehmer einfacher: Wenn wir im Verwaltungsrat eine Strategie festlegten, so haben wir diese nachher gemeinsam und effizient umgesetzt. Das ist in der Politik nicht immer der Fall.

Eine Kritik an Ihren Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat.

Nein. Unser System funktioniert gut. Ich akzeptiere, dass es anders ist als früher. Die Kollegialität ist wichtig, ich stehe dazu.

Doch auch bei Ihrem eigenen Projekt, der Förderung von Fachleuten im Inland, geht es nicht vorwärts.

Das stimmt nicht. Es gibt heute zum Beispiel mehr Krippenplätze, damit die Frauen wieder arbeiten können. Wir haben viel getan, um die Chancen aller im Arbeitsmarkt mit Aus- und Weiterbildungen zu verbessern. Doch es braucht Zeit, die Fachkräfte aus heimischer Quelle aufzubauen und in den Arbeitsprozess zu integrieren. Wir können den Unternehmen nicht befehlen, welche Leute sie anstellen müssen – zum Glück. Seit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative sind sich die Unternehmer aber sehr wohl bewusst, dass sie nicht mehr beliebig Leute aus dem Ausland holen können.

Gilt das nach dem Frankenschock noch immer?

Tatsächlich sind die Verhältnisse für die Unternehmen noch schwieriger geworden.

Besonders hart trifft es den Tourismus. Sind Sie diesen Winter schon Skifahren gegangen?

Ja, vor kurzem. Einmal pro Jahr gehe mit den alten Militärkollegen an meinem Hausberg, dem Hornberg im Saanenland, auf die Piste. Damit ich weiss, ob meine Ski noch in Ordnung sind und ich die Bogen noch hinkriege.

Hatte es viele Leute auf der Piste?

Nein, die Pisten waren trotz schönem Wetter recht leer. Auch wenn es die Zwischensaison war, mache ich mir schon Sorgen um einzelne Hotels und Bergbahnen in unserem Land. Wie soll da die Rechnung aufgehen?

Ihnen gehörte früher das Hotel Alpenland in Lauenen. Wie läuft es da?

Seit ich Bundesrat bin, kenne ich die Situation nicht mehr im Detail. Aber mir sind die Herausforderungen vieler Hotels bekannt. Es überlebt nur, wer sich aus eigener Kraft über Wasser halten kann. Subventionen nützen auf die Länge nichts.

Heisst das, dass Sie die zusätzlichen Forderungen der Tourismusbranche ablehnen?

Der Bundesrat beschloss erst vor wenigen Tagen die Botschaft zur Standortförderung, die den Tourismus stark unterstützt. Von vielen Seiten kommen derzeit zusätzliche finanzielle Forderungen. Es ist aber nicht der richtige Moment, um darüber zu reden. Konjunkturpakete sind jetzt kein Thema.

Werden Sie Ihre Sommerferien in der Schweiz verbringen?

Darüber habe ich noch keine Minute nachgedacht. Ich war die letzten vierzig Jahren kaum je im Ausland in den Ferien. Ich bin beruflich schon oft genug international unterwegs. Ich werde wie jedes Jahr in die Berge gehen.

Was bedeuten Ihnen die Berge?

Ich bin in Affoltern im Emmental aufgewachsen. Wenn man dort am richtigen Ort steht, sieht man vom Glärnisch bis zum Mont Blanc. Als Jugendlicher habe ich mir gesagt: Die besteigst Du alle, von links bis rechts. Und mit ganz wenigen Ausnahmen habe ich sie alle geschafft. Als Bergsteiger habe ich gelernt, dass der Aufstieg zum Teil schwierig ist und Kondition und Durchhaltewillen braucht. Noch anspruchsvoller ist es, den Abstieg zu meistern.

Wenn Sie die Politik mit dem Bergsteigen vergleichen – wo befinden Sie sich im Moment?

Ich bin immer noch im Aufstieg. 2016 ist mein Präsidialjahr.

Haben Sie Angst, dass Ihr Aufstieg abrupt zu Ende sein könnte – und Sie im Dezember als Bundesrat abgewählt werden?

Nein, mit Angst kommt man nicht weiter. Und es gibt dafür auch keinen Grund: Das Parlament hat mich letztes Jahr sehr gut als Vizepräsidenten gewählt.

Wann werden Sie den Abstieg antreten und den Bundesrat verlassen?

Die Frage stellt sich heute nicht. Ich bleibe mindestens noch 20 Jahre im Amt (lacht). 

Last modification 19.11.2015

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