«Die Agrarforschung bringt den Bauernfamilien praktische Lösungen»

Als neuer Landwirtschafts- und Wirtschaftsminister hat sich Bundesrat Guy Parmelin im Interview mit der Zeitschrift «Agrarforschung Schweiz» über seine Vision für die Zukunft der Schweizer Agrarforschung geäussert. Eine gute Finanzierung und ein vernünftiger Umgang mit den vorhandenen Ressourcen sind für ihn die wichtigsten Erfolgsfaktoren.

Herr Bundesrat, Sie waren bis 2015 Meisterlandwirt und Weinbauer im Kanton Waadt – wie sind Sie zur Landwirtschaft gekommen?

Die Landwirtschaft hat mich immer fasziniert. Das liegt bei uns in der Familie. Im Gymnasium wurde mir schnell klar, dass ich mich für praktische Fragen mehr begeistern konnte als für theoretische. Ich wollte die Schule abbrechen, aber meine Eltern haben mir geraten, die Matura trotzdem noch abzuschliessen. Das habe ich auch getan und danach eine Lehre als Landwirt absolviert. Ich habe diesen Entscheid nie bereut. Heute bin ich meinen Eltern natürlich sehr dankbar, dass sie mir damals etwas Druck gemacht haben, denn dadurch blieben mir alle Möglichkeiten offen.

Wie ist heute Ihr Bezug zur Schweizer Landwirtschaft?

Natürlich habe ich nach wie vor eine ganz enge Beziehung zur Landwirtschaft. Mein Bruder ist noch immer als Landwirt tätig und viele Freunde ebenfalls. Diese Kontakte pflege ich regelmässig, wenn ich am Wochenende nach Hause nach Bursins fahre. Der Beruf des Landwirts und die Menschen, die diesen Beruf ausüben, liegen mir sehr am Herzen. Dennoch ist mir bewusst, dass ich nicht nur Landwirtschaftsminister, sondern auch Wirtschaftsminister bin. In dieser Funktion bin ich für das allgemeine Wohlergehen unseres Landes verantwortlich, nicht nur für das Wohlergehen eines bestimmten Sektors. Damit das gelingt, müssen wir den Dialog pflegen und in der Landwirtschaft ganz auf Innovation setzen. Um diese zweite Voraussetzung zu erfüllen, ist die Agrarforschung von zentraler Bedeutung.

Zum WBF gehört auch die Forschung: Wie sehen Sie die Rolle der Schweizer Forschung im Allgemeinen?

Wie gesagt, Spitzenforschung ist unerlässlich, wenn wir wollen, dass die Schweizer Wirtschaft dynamisch und auf den Weltmärkten konkurrenzfähig bleibt. Deshalb brauchen wir eine Forschung, die an der Spitze mithalten kann, sowohl in der Grundlagenforschung als auch im angewandten Bereich. Dies erfordert eine gute Forschungsfinanzierung, aber auch einen vernünftigen Umgang mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. In diese Richtung geht zum Beispiel die Reform von Agroscope. Ausserdem streben wir eine sinnvolle Mischung aus privat finanzierter und staatlich unterstützter Forschung an. Entscheidend für mich ist auch der richtige Transfer des in öffentlichen Forschungseinrichtungen erworbenen Wissens in die Praxis.

Und im Besonderen im Bereich der Land- und Ernährungswirtschaft?

In diesem Bereich müssen wir mehr noch als an anderer Stelle auf ein gutes Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Grundlagenforschung, der angewandten Forschung und Bedürfnissen des Staates achten, der für normative Entscheide wissenschaftliche Grundlagen benötigt. Die Landwirtschaft fordert, dass die Forschung stärker auf ihre unmittelbaren Bedürfnisse ausgerichtet wird. Das ist richtig, aber ohne Grundlagenforschung ist keine angewandte Forschung möglich. Gute Forschende sind auch nur dann zu gewinnen, wenn wir ihnen die Möglichkeit bieten, Artikel zu veröffentlichen und so von der Wissenschaftsgemeinschaft anerkannt zu werden. Auch dieses Bedürfnis müssen wir im Auge behalten. Bei der Reform von Agroscope werden wir all diese Anliegen berücksichtigen und ich bin überzeugt, dass wir eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung finden werden.

Was bringt diese Forschung den Bauernfamilien?

Einerseits bringt diese Forschung den Bauernfamilien praktische Lösungen, die zur Reduktion der Betriebskosten und unnötiger Verluste beitragen; andererseits ermöglicht sie ihnen eine effizientere und nachhaltigere Bewirtschaftung des Bodens. Ausserdem haben die Bauernfamilien dank der Agrarforschung die Gewissheit, dass die Probleme, die sich ihnen im praktischen Alltag stellen, methodisch analysiert werden und dass ihnen Lösungen vorgeschlagen werden, die wissenschaftlich fundiert und wirtschaftlich tragfähig sind.

Und was der Bevölkerung?

Weniger Pflanzenschutzmittel in ihrer Umwelt, einen respektvolleren und nachhaltigeren Umgang mit den Ressourcen, sei dies der Boden oder das Wasser. Darüber hinaus profitiert die Bevölkerung von einer gesunden, ausgewogenen und ihren Bedürfnissen und Vorlieben entsprechenden Ernährung. Schliesslich trägt die Forschung auch dazu bei, dass wir weiterhin einen hohen Selbstversorgungsgrad in unserem Land aufrechterhalten können, wodurch wir unsere Unabhängigkeit und die nationale Sicherheit gewährleisten. Nebenbei verringert ein hoher Selbstversorgungsgrad auch die Importe und somit unnötige Transporte aus dem Ausland in die Schweiz, wodurch die Umwelt geschont wird.

Wie sehen Sie die Zukunft dieser Forschung?

Zwei Bereiche der wissenschaftlichen und technologischen Forschung und Entwicklung sind derzeit für die Zukunft unserer Gesellschaft und den Wohlstand am vielversprechendsten: die Digitalisierung (momentan in aller Munde) und der gesamte Bereich der Biotechnologien und Lebensmittelwissenschaften. Darüber wird zwar weniger gesprochen, aber in diesem sehr dynamischen Bereich gehört die Schweiz nach wie vor zu den Besten. Dies verdanken wir einerseits grossen Lebensmittelkonzernen, die die Forschung aktiv mitfinanzieren, aber auch unseren Universitäten, den Eidgenössischen Technischen Hochschulen und unseren Forschungsinstituten wie etwa Agroscope, die laufend neues Wissen sammeln und verbreiten. Unsere Mission ist damit klar: Wir müssen unsere hervorragende Position in diesen Bereichen verteidigen und wenn möglich weiter verbessern.

Letzte Änderung 11.03.2019

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