Vertrauen ist ein Versprechen in die Zukunft

Cavaione, 01.08.2020 - Ansprache von Herrn Bundesrat Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) anlässlich des Nationalfeiertags 2020

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner sowie Gäste von Cavaione und des Puschlavs

Meine Damen und Herren

Heute ist ein wichtiger Tag für unser Land und ich freue mich besonders, ihn hier im kleinen Dörfchen Cavaione gemeinsam mit Ihnen zu verbringen.

Riccardo Tognina schrieb 1963 im Bündner Kalender einen Artikel über Cavaione (Cavajone im Text). Er trug den Titel «Das vergessene Dorf». Ein Dorf, das weder schweizerisch noch italienisch ist; oder besser gesagt, das schweizerisch oder italienisch ist − je nach Situation. Damit kamen seine Bewohnerinnen und Bewohner zumindest bis 1874 darum herum, Militärdienst zu leisten und Steuern zu zahlen. Ein Traumdorf, könnte man denken. Und ich darf hier heute bei Ihnen sein. Das ist auch der Beweis dafür, dass das «vergessene Dorf» vom Bundesrat nicht vergessen wurde. Danke, dass Sie mich heute hier empfangen.

Unser Nationalfeiertag hat dieses Jahr einen bittersüssen Beigeschmack. Es herrscht eine gewisse Erleichterung, gleichzeitig aber auch Unsicherheit: Erleichterung darüber, dass wir in der Schweiz und in unseren Nachbarländern allmählich eine Phase hinter uns lassen, die sich massiv auf unsere Arbeits- und Lebensweise ausgewirkt hat. Doch ich sagte auch Unsicherheit. Unsicherheit hinsichtlich der weiteren Entwicklung dieser Krankheit und bezüglich ihrer Auswirkungen auf den Wohlstand unseres Landes.

Seit einem Jahrhundert hat die Schweiz nie mehr so mobilisiert gegen eine Epidemie. Und doch haben sich bei uns bisher fast 35 000 Personen infiziert und über 1700 sind daran gestorben. Das wollen wir nicht vergessen. Nutzen wir daher diese Gelegenheit, um ihnen kurz zu gedenken.

Bei vielen von Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie zum Glück gesund geblieben sind, hinterlässt diese traurige Episode Erinnerungen an verlassene Strassen, halbleere Züge sowie geschlossene Geschäfte und Restaurants.

Seither hat unser Land eine willkommene Sommerpause eingelegt und sich auf sich zurückbesonnen − bevor uns neue Sorgen umtreiben werden. Unsere Wirtschaft läuft noch längst nicht wieder auf Normalbetrieb: Die Produktion wurde gedrosselt − auch aufgrund der mangelnden Nachfrage aus dem Ausland −, der Konsum kommt nur schleppend in Gang, die Touristen sind vorsichtig. Natürlich braucht es Zeit, bis wir wieder zur Normalität zurückkehren und wieder zu unseren alten Gewohnheiten zurückfinden werden.

Die Unternehmen wurden von dieser Krise ganz unterschiedlich getroffen: Einige haben sie ohne grössere Probleme überstanden, andere mussten den Betrieb vorübergehend einstellen, ein paar leider für immer. Unser Land war während mehrerer Wochen schwer angeschlagen, hat aber nie den Kopf hängen lassen. Angesichts des Ausmasses dieses Ereignisses hat der Bund dringende und einschneidende Entscheidungen getroffen. Er hat Dutzende von Millionen Franken investiert, um unsere Beschäftigung und unsere Wirtschaft zu bewahren, denn sie sind die grosse Stärke der Schweiz. Und sie müssen stabil und resilient sein, damit unser Land weiter gedeihen kann.

Wir bewegen uns hier in Grössenordnungen, die einen ganz schwindlig machen: Denn läuft die Schweizer Wirtschaft nur auf 95 Prozent ihrer vollen Leistung, was im zweiten Halbjahr durchaus der Fall sein könnte, hätte dies einen finanziellen Verlust von 3 Milliarden Franken pro Monat zur Folge. Von den möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigung ganz zu schweigen.

Die Dimensionen sind gewaltig und machen uns bewusst, wie schwer in dieser Hinsicht unsere öffentliche Verantwortung wiegt. Dies führt uns noch einen weiteren Punkt vor Augen: Wenn es um die Gesundheit geht und darum, was für uns ganz persönlich Priorität hat, betrifft dies früher oder später die ganze Gesellschaft.

Während des Lockdowns waren wir verunsichert und wurden angewiesen, uns zum Wohle aller gegenseitig zu misstrauen; trotzdem gehen wir paradoxerweise gestärkt aus diesen Ereignissen des Frühjahrs 2020 hervor. Denn durch unsere Selbstdisziplin ist es uns gelungen, diese Krankheit gemeinsam in Schach zu halten, indem wir alle einen kleinen Teil unserer persönlichen Freiheit zugunsten des Gemeinwohls geopfert haben.

So ist es durchaus legitim, dieses gemeinsame Opfer, das wir offensichtlich auch weiterhin erbringen müssen, als patriotische Geste zu bezeichnen und darin auch einen Ausdruck des traditionellen Leitspruchs unseres Landes zu sehen:

In per tuts, tuts per in
Uno per tutti, tutti per uno
Un pour tous, tous pour un
Einer für alle, alle für einen

Die grosse Mehrheit unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie der Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes hat gut verstanden, was auf dem Spiel steht. Und zwar nicht nur für jede und jeden einzelnen von uns, sondern für alle zusammen. Ohne die Gefahr herunterzuspielen, ins Lächerliche zu ziehen oder die Augen davor zu verschliessen. Ein riesiges Dankeschön dafür.

Unsere Gesellschaft gibt sich gerne der Illusion hin, das Risiko lasse sich durch entsprechende Regeln völlig eliminieren. Am liebsten würde sie Vorsichtsmassnahmen bis zum Gehtnichtmehr ergreifen. Umso wichtiger scheint es mir, daran zu erinnern, dass kleine wie auch grössere Unfälle jederzeit möglich sind − ob wir dies nun wollen oder nicht.

Genau deshalb müssen wir solche Momente wie heute, in denen wir gemeinsam über das Fundament und die Zukunft unseres Landes nachdenken, gut nutzen. Dabei gilt es zu bedenken, dass der Staat nicht allmächtig ist, dass es im Leben keine Garantien gibt und dass weder übertriebene Vorsicht noch übertriebene Sorglosigkeit eine gute politische Strategie bilden.

Diese anstrengenden Wochen, die jetzt hoffentlich hinter uns liegen, haben uns gezeigt, dass wir nicht alles kontrollieren können. Manchmal müssen wir uns Empfehlungen gefallen lassen und diese annehmen, auch wenn sie über unsere Eigenverantwortung, unser eigenes Wissen, unsere Vorrechte oder unsere Freiheiten hinausgehen.

Wir waren aber fast sicher, dass wir unsere Familie, unsere Freunde, unsere Arbeitskolleginnen und ‑kollegen wie auch unsere Nachbarn nach dem Lockdown wieder bei guter Gesundheit antreffen würden.

Wir waren fast sicher, dass unser familiäres Umfeld abgesehen von einigen Hygienemassnahmen unverändert bleiben würde.

Wir waren fast sicher, dass im Büro, in der Werkstatt, im Altersheim, im ÖV, allein Zuhause im zum Büro umfunktionierten Wohnzimmer die Organisation unserer Gesellschaft fortbestehen würde.

Wir waren zudem fast sicher, dass die Behörden ihre Arbeit weiterhin machen, die demokratischen Kontrollmechanismen funktionieren und den Bezugsberechtigten die nötigen Mittel zwar nicht nachgeworfen, sie aber doch beschleunigt und vereinfacht für sie bereitgestellt würden.

Wir waren auch fast sicher, dass die Sicherheit und die Dienstleistungen gewährleistet sind und die Spitäler und das Gesundheitspersonal die Lage meistern würden. Denn Zuverlässigkeit ist das Markenzeichen unseres Landes, über diese ganzen «fast» hinaus, die Teil der Launen des Lebens sind.

Was rechtfertigt diesen Glauben in unsere Institutionen? Unsere Gesellschaft basiert auf soliden, historischen, unantastbaren und bewährten Werten; und das Vertrauen steht dabei an erster Stelle.

Wir bedauern oft, dass die Dinge zu wenig schnell gehen oder sich in die falsche Richtung bewegen. Dennoch setzen die meisten unter uns allen Hindernissen zum Trotz auf das Vertrauen, den Glauben an die Zukunft. In einem Wort: die Hoffnung.

Denn ohne Vertrauen ist das gesellschaftliche Leben schlicht und einfach nicht möglich. Ohne Vertrauen wäre auch der Bund, der unserem Land zugrunde liegt, nicht mehr möglich. Der Bund, mit dem es sich konstitutionell verpflichtet, «Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken». Denn Vertrauen hält diesen Bund zusammen.

Nach dieser beispiellosen Krise und angesichts der Schwierigkeiten, die uns in den nächsten Monaten noch erwarten, erkenne ich, wie wichtig es ist, dass die Regierung dem in sie gesetzten Vertrauen gerecht wird. Dies ist eine Voraussetzung für ein stabiles Land, vertrauenswürdige Institutionen, eine wieder zuversichtliche und damit unternehmerische Wirtschaft sowie einen ausgeglichenen Konsum. In diesem Sinn ist das Vertrauen einer der Gärstoffe und der Motoren für unsere Zukunft.

Ihnen allen wünsche ich einen schönen Nationalfeiertag 2020, viel Zuversicht und insbesondere ein solides Vertrauen.

Hoch lebe die Schweiz, hoch lebe der Kanton Graubünden, und lang lebe diese wunderschöne Region im Puschlav!


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Letzte Änderung 14.02.2019

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